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Wardley Mapping: Strategische Landkarten für komplexe Märkte

Strategische Landkarten erstellen, Wettbewerbsposition verstehen und Evolution von Komponenten analysieren. Anleitung mit Beispielen.

Wardley Mapping: Strategische Landkarten für komplexe Märkte

Wardley Mapping ist eine Methode zur strategischen Planung, bei der die Wertschöpfungskette eines Unternehmens visuell dargestellt wird – ähnlich einer Landkarte. Die Y-Achse zeigt die Sichtbarkeit für den Kunden, die X-Achse die evolutionäre Reife der Komponenten. So entsteht ein Bild, das zeigt, wo das Unternehmen steht, wohin sich der Markt entwickelt und welche strategischen Züge sinnvoll sind. Das unterschätzte Format hilft besonders Produktteams, Wettbewerbsposition und Veränderungsdynamiken zu verstehen.


Warum Wardley Maps?

Simon Wardley, der Namensgeber der Methode, war CEO von Fotango und verantwortete später die Cloud-Strategie bei Canonical. Seine Frustration: Die üblichen Strategietools – SWOT-Analysen, 2x2-Matrizen, Berater-Empfehlungen – lieferten keine verlässliche Grundlage für Entscheidungen. Es fehlte das Äquivalent einer militärischen Landkarte für die Geschäftsstrategie.

Militärstrategen verlassen sich seit Jahrtausenden auf Lagebewusstsein. Wardley selbst illustriert das mit der Schlacht bei den Thermopylen: Themistokles und die griechischen Feldherren nutzten ihre Kenntnis der Topografie – den engen Pass –, um einer weit überlegenen Streitmacht zu begegnen. Wer die Landschaft kennt, kann klüger ziehen. Wardley übertrug dieses Prinzip auf Unternehmensstrategie.

Was Wardley Maps leisten:

  • Situationsbewusstsein schaffen
  • Versteckte Abhängigkeiten aufdecken
  • Evolutionäre Veränderungen antizipieren
  • Strategische Optionen visualisieren
  • Kommunikation im Team verbessern

Die Grundstruktur einer Wardley Map

Die zwei Achsen

Y-Achse: Sichtbarkeit (Visibility)

  • Oben: Direkt für den Kunden sichtbar (z.B. das Produkt selbst)
  • Unten: Unsichtbar, aber notwendig (z.B. Rechenzentrum, Stromversorgung)
X-Achse: Evolution Die Entwicklungsstufe einer Komponente, von links (neu, chaotisch) nach rechts (etabliert, standardisiert).

PhaseCharakteristikBeispiel
GenesisNeu, unerforscht, einzigartigErste Blockchain-Anwendungen 2015
Custom BuiltMaßgeschneidert, teuer, seltenEnterprise-Software in den 1990ern
ProductStandardisiert, vergleichbarCRM-Systeme heute
CommodityAustauschbar, MassenwareStrom, Cloud-Speicher

Die Komponenten

Komponenten sind alles, was für die Wertschöpfung relevant ist:

  • Softwaresysteme
  • Dienstleistungen
  • Fähigkeiten und Wissen
  • Physische Ressourcen
  • Praktiken und Prozesse

Die Verbindungen

Pfeile zeigen Abhängigkeiten: Welche Komponente braucht welche andere? Diese Kette führt vom Kundenbedürfnis (oben) bis zu den fundamentalen Ressourcen (unten).


Eine Wardley Map Schritt für Schritt erstellen

Schritt 1: Nutzer und Bedürfnisse definieren

Jede Map beginnt mit der Frage: Wer ist der Nutzer, und was braucht er?

Der Nutzer ist der Ankerpunkt – wie der Nordpfeil auf einer Landkarte. Alle Positionen werden relativ zum Nutzer bestimmt.

Beispiel Foto-Druck-Service:

  • Nutzer: Menschen, die Fotos drucken wollen
  • Bedürfnisse: Fotos drucken, Fotos bearbeiten, Fotos speichern

Schritt 2: Wertschöpfungskette aufbauen

Ausgehend von den Bedürfnissen: Welche Komponenten sind nötig, um diese zu erfüllen?

Für den Foto-Service:

  • Website (direkt sichtbar)
  • Kundenmanagementsystem
  • Betriebsplattform
  • Rechenzentrum
  • Rechenkapazität
  • Strom
Die Kette geht von oben (sichtbar) nach unten (unsichtbar).

Schritt 3: Position auf der Evolutionsachse

Wo steht jede Komponente in ihrer Entwicklung?

KomponentePositionBegründung
WebsiteProductStandardisierte Technologie
KundenmanagementsystemProduct/CommodityCRM-Systeme weit verbreitet
RechenzentrumCommodityCloud-Provider bieten Standard an
StromCommodityVollständig standardisiert

Schritt 4: Bewegungen einzeichnen

Wohin entwickeln sich die Komponenten? Pfeile zeigen die evolutionäre Richtung.

Beispiel: Ein Custom-Built-System wird zum Product. Ein Product wird zur Commodity. Diese Bewegungen sind unausweichlich – die Frage ist nur: Wann?


Strategische Muster erkennen

Muster 1: Inertia (Trägheit)

Organisationen wehren sich gegen Veränderungen, auch wenn sie strategisch sinnvoll wären. Auf der Map sichtbar als Komponente, die "nach rechts sollte", aber festsitzt.

Typisch: Das selbst entwickelte CRM, das niemand aufgeben will, obwohl Standardlösungen längst besser und günstiger sind.

Muster 2: Pioneer-Settler-Town Planner

Drei Typen von Arbeit erfordern drei Typen von Menschen und Methoden. Wardley ordnet ihnen die Methodenfamilien Agile, Lean und Six Sigma zu:

TypPhaseMethode (nach Wardley)Mentalität
PioneerGenesisAgileExperimentieren
SettlerCustom/ProductLeanSkalieren
Town PlannerCommoditySix SigmaOptimieren

In der Praxis heißt das: Pioneers arbeiten explorativ (etwa mit Lean-Startup-Experimenten), Settlers machen aus Prototypen verlässliche Produkte, Town Planners industrialisieren und optimieren. Ein häufiger Fehler: Die gleiche Methode für alle Phasen verwenden.

Muster 3: Ecosystem Play

Wer eine Komponente zur Commodity macht, kann ein Ökosystem drum herum aufbauen. Amazon machte Cloud-Computing zur Commodity (AWS) – und profitiert vom gesamten Ökosystem.


Der Wardley Mapping Workshop

Teilnehmer und Dauer

  • 4-10 Personen mit unterschiedlichen Perspektiven
  • Halber bis ganzer Tag für die erste Map
  • Idealerweise mit einem erfahrenen Facilitator

Phase 1: Orientierung (30 Minuten)

  • Einführung in Wardley Maps
  • Scope definieren: Welches Produkt, welcher Service, welches Geschäftsfeld?
  • Nutzer und Bedürfnisse klären

Phase 2: Komponenten sammeln (60 Minuten)

Silent Brainstorming: Jeder schreibt Komponenten auf Post-its – alles, was für die Wertschöpfung relevant ist.

Clustering: Ähnliche Komponenten gruppieren, Duplikate entfernen, Lücken identifizieren.

Abhängigkeiten: Welche Komponente braucht welche andere?

Phase 3: Positionierung (60 Minuten)

Jede Komponente wird auf der Map platziert:

  • Y-Position: Wie nah am Kunden?
  • X-Position: Wie weit entwickelt?
Tipp: Die Diskussion über die Position ist wertvoller als die Position selbst. Wenn zwei Teammitglieder unterschiedlicher Meinung sind, liegt darin oft die Erkenntnis.

Pause (15 Minuten)

Phase 4: Bewegungen und Muster (45 Minuten)

  • Wohin entwickeln sich Komponenten?
  • Wo gibt es Trägheit?
  • Welche externen Kräfte wirken (Wettbewerber, Technologie, Regulierung)?
  • Welche Muster erkennen wir?

Phase 5: Strategische Optionen (45 Minuten)

  • Welche Züge ergeben sich aus der Map?
  • Was sollten wir selbst bauen, was kaufen, was outsourcen?
  • Wo liegt unser strategischer Vorteil?
  • Was sollten wir aufgeben?

Praxisbeispiel: Regionale Bank

Nutzer: Geschäftskunden Bedürfnisse: Unterstützung beim Geschäft, schneller Service, geringe Gebühren

Map-Auszug:

KomponenteSichtbarkeitEvolution
Ganzheitliche BeratungHochCustom Built
FinanzierungenHochProduct
VideoberatungMittelProduct
ChatbotMittelProduct/Commodity
CRM-SystemNiedrigProduct
IT-InfrastrukturNiedrigCommodity

Strategische Erkenntnisse:

  • Die IT-Infrastruktur ist Commodity – hier nicht differenzieren, sondern Standardlösungen nutzen.
  • Die ganzheitliche Beratung ist der Differentiator – hier investieren.
  • Chatbots werden zur Commodity – nicht zu viel selbst entwickeln.

Wardley Maps in der Praxis: Wann sie helfen

1. Make-or-Buy-Entscheidungen

Die Map zeigt, welche Komponenten strategisch wichtig sind (selbst bauen) und welche Commodity sind (kaufen/outsourcen).

2. Technologie-Investitionen

Wohin entwickelt sich die Technologie? In Genesis-Phasen: Experimentieren. In Commodity-Phasen: Standardlösungen nutzen.

3. Organisationsdesign

Welche Teams brauchen wir? Pioneer-Teams für Innovation, Town-Planner-Teams für Operations.

4. Wettbewerbsanalyse

Wo positionieren sich Wettbewerber? Wo greifen neue Player an (meist dort, wo Custom zu Commodity wird)?


Typische Fehler beim Wardley Mapping

Fehler 1: Zu viele Komponenten

Eine Map mit 100 Komponenten ist keine Karte, sondern Chaos. Fokus auf 15-25 wesentliche Komponenten.

Fehler 2: Position als Wahrheit behandeln

Die Position auf der X-Achse ist eine Einschätzung, keine exakte Wissenschaft. Der Wert liegt in der Diskussion.

Fehler 3: Einmal mappen und abheften

Maps sind lebende Dokumente. Märkte verändern sich, Komponenten evolvieren. Regelmäßig aktualisieren.

Fehler 4: Ohne Nutzer beginnen

Wer den Nutzer nicht definiert, erstellt eine Map ohne Ankerpunkt – wie eine Landkarte ohne Norden.

Fehler 5: Als Zauberformel verkaufen

Wardley Maps sind ein Kommunikationswerkzeug, kein goldener Zauberstab. Sie ersetzen nicht das strategische Denken – sie unterstützen es.


Ressourcen zum Weiterlernen

Simon Wardley hat sein gesamtes Wissen unter Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht. Das ist ungewöhnlich großzügig und macht den Einstieg leicht.

Kostenlose Ressourcen:

  • Wardleys Buch (online, CC-lizenziert)
  • YouTube-Videos von Simon Wardley
  • wardleymaps.com – Community und Tools
Tools:
  • Draw.io mit Wardley-Map-Templates
  • Miro/Mural für kollaboratives Mapping
  • OnlineWardleyMaps (web-basiert)

Fallbeispiel: Wenn die Map ausspricht, was alle ahnen

Ein typischer Verlauf aus der Praxis: Ein Produktteam eines Softwareunternehmens – acht Personen, die seit Jahren zusammenarbeiten – mappt zum ersten Mal die eigene Produktlandschaft.

Nach zwei Stunden hängt die Map an der Wand. Und dann passiert etwas Interessantes: Der CTO zeigt auf eine Komponente und sagt: "Die haben wir vor fünf Jahren selbst gebaut. Heute gibt es drei Cloud-Services, die das besser können."

Alle wussten es. Niemand hatte es ausgesprochen. Die Map macht es sichtbar.

Die typische Konsequenz: Legacy-Komponenten werden durch Standard-Services ersetzt, und die freigewordene Entwicklerkapazität fließt in Features, die wirklich differenzieren.

Das ist die Stärke von Wardley Maps: Sie machen Dinge sichtbar, die alle irgendwie ahnen, aber niemand benennt.


Häufige Fragen zu Wardley Mapping

Wie lange dauert es, Wardley Mapping zu lernen?

Die Grundlagen in einem halben Tag. Aber wie bei Schach: Die Regeln lernt man schnell, Meisterschaft braucht Jahre.

Brauche ich Software für Wardley Maps?

Nein. Papier und Post-its reichen. Software hilft bei der Dokumentation und Zusammenarbeit, aber die erste Map sollte analog entstehen.

Wie oft sollte eine Map aktualisiert werden?

Mindestens jährlich. Bei schnellen Märkten quartalsweise. Immer dann, wenn sich etwas Wesentliches ändert.

Für welche Unternehmen eignet sich Wardley Mapping?

Besonders für Unternehmen in dynamischen Märkten, mit komplexen Wertschöpfungsketten oder vor strategischen Entscheidungen. Weniger relevant für sehr kleine Unternehmen mit einfachem Geschäftsmodell.

Kann ich eine Wardley Map alleine erstellen?

Ja, aber der größte Wert liegt in der Diskussion. Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Maps und zu Erkenntnissen, die ein Einzelner übersieht.

Stand: Juni 2026

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